Außenbereich Stall - Futtertrog

Ein CO2-Fußabdruck für die Milchwirtschaft?

Was ist der CO2-Fußabdruck?

Der CO2-Fußabdruck ist ein Maß für die von einer Person oder einem Produkt verursachten Treibhausgasemissionen. Dies sind alle gasförmigen Stoffe, für die der Weltklimarat IPCC ein Treibhauspotential definiert hat, vor allem CO2, Methan und Lachgas. In Abhängigkeit von ihrer Wirkung auf die Erderwärmung werden die Treibhausgasemissionen über Faktoren zum CO2 (Faktor 1) in Bezug gebracht und in Form von CO2-Äquivalenten ausgedrückt. Der CO2-Fußabdruck ist somit nicht nur der CO2-Ausstoß an sich, sondern der Ausstoß aller klimarelevanten Treibhausgase, umgerechnet auf den Wirkungsgrad von CO2.

Der CO2-Fußabdruck kann sowohl als personenbezogene, wie auch als produktbezogene Energiebilanz definiert werden.

Der persönliche CO2-Fußabdruck ist die Bilanz der Treibhausgasemissionen, die durch den Lebensstil jedes einzelnen verursacht werden. Er kann bezogen werden auf die einzelnen Lebensbereiche Konsum, Verkehr und Reisen, Wohnen sowie Essen und Trinken. Die Ernährung macht einen prozentualen Anteil von ca. 14 % aus.


Durchschnittliche Anteile des Treibhausgasausstoßes in Deutschland

Durchschnittliche Anteile des Treibhausgasausstoßes in Deutschland
Quelle: LVN modifiziert nach KlimAktiv gemeinnützige GmbH, CO2 Rechner

Ziel der CO2-Berechnungen ist es, Verbraucher für die Folgen ihrer Konsumweisen zu sensibilisieren. Weitere Informationen zum persönlichen CO2-Fußabdruck unter  www.footprintnetwork.org/de/. Eine Berechnung ist auch beim  Institut für Energie-  und Umweltforschung  Heidelberg GmbH www.ifeu.klima-aktiv.de möglich.

Der produktbezogene CO2-Fußabdruck, der sogenannte Product Carbon Footprint (PCF), ist dagegen per Definition:

,,.[…] die Bilanz der Treibhausgasemissionen entlang des gesamten Lebenszyklus [von Herstellung und Transport der Rohstoffe, Verpackungen und Vorprodukte über Produktion und Distribution bis hin zu Nutzung, Nachnutzung und Entsorgung] eines Produkts in einer definierten Anwendung und bezogen auf eine definierte Nutzeinheit" (BMU et al. 2009)

Warum dient CO2 als Maßstab?

Durch Verbrennungsprozesse zur Energiegewinnung (Gas, Kohle oder Erdöl), durch Rodung zur Holzgewinnung oder andere ressourcenverbrauchende Prozesse nimmt der Treibhausgasanteil, besonders CO2, in unserer Atmosphäre zu. Dadurch erwärmt sich das Klima langsam, aber stetig. Denn die Treibhausgase sorgen dafür, dass die von der Sonne auf die Erde eingestrahlte Wärmeenergie zu einem gewissen Teil in unserer Atmosphäre gehalten wird.

Wie hoch ist der CO2-Fußabdruck von Milchprodukten?

In den Studien um den CO2-Fußabdruck der Milchwirtschaft finden sich kaum spezifische Daten für den Bereich der Molkereien, also der Milchverarbeitung. Die meisten Untersuchungen beziehen sich auf den klima- und energieintensiven Bereich der Milcherzeugung, Fütterung und Milchviehhaltung, also auf die Abläufe auf den, zumeist landwirtschaftlichen, Betrieben.

Auch wenn die genauen Werte wegen der bisher fehlenden einheitlichen Methodik zu ihrer Ermittlung sehr umstritten sind und Ministerien und Industrieverbände gegen eine Kennzeichnung auf dem Produkt sind, kann der Vergleich der Energieverbräuche verschiedener Produkte untereinander unter Umständen nützlich sein.

Das Öko-Institut in Freiburg hat im Oktober 2007 folgende Werte für konventionelle erzeugte Lebensmittel berechnet:

 Lebensmittel  kg CO2-Äquivalent pro kg Lebensmittel
 Milch  0,9
 Joghurt  1,2
 Käse  8,5
 Butter  23,8
 Eier  1,9
 Schweinefleisch  3,2
 Rindfleisch  13,3
 Tomaten  0,3
 Kartoffeln  0,2
Quelle: Öko-Institut

Deutlich wird, dass tierische Lebensmittel einen höheren Ressourcenverbrauch haben als pflanzliche. Kritisch anzumerken ist hierbei allerdings die Benachteiligung fetthaltiger Milchprodukte, die sich aus der bisher praktizierten Verfahrensweise ergibt, die bei der Produktion von Milcherzeugnissen entstehenden Treibhausgasemissionen anhand ihres Fettgehaltes zuzuordnen. Nicht nur unter ernährungsphysiologischen Aspekten ist diese Zuordnung anfechtbar, da Milch neben Milchfett auch wertvolles Milcheiweiß enthält. Dieses Milcheiweiß ist kein Abfallprodukt, sondern wird weiterverarbeitet und konsumiert.

Für Milch wurden bereits mehrere CO2-Berechnungen durchgeführt. Ihr PCF bewegt sich bei allen Quellen um rund 1 kg CO2-Äquivalent pro kg Milch.

Wie stehen die meisten lebensmittelverarbeitenden Betriebe, wie Molkereien, zum produktbezogenen CO2-Fußabdruck?

Pro

  • Zahlenwert der Emission offenbart Bereiche innerhalb der Wertschöpfungskette oder innerhalb eines Unternehmens, bei denen großes Einsparpotenzial für Energie liegt
  • kann Bewusstsein für die Umweltrelevanz des Konsums generell steigern: Anreiz für Einsparungen
  • Transparenz in der Wertschöpfungskette eines Lebensmittels erhöht
  • theoretisch lässt die Kennzeichnung dem Verbraucher die Wahl zwischen klimafreundlicheren oder klimaschädlichen Produkten

Contra

  • viele unabwägbare Einflüsse auf den Endwert, fehlende Vergleichbarkeit der Werte:
    • den Rohstoffen oder Zutaten aus verschiedenen Ländern und vorgelagerten Unternehmen liegen unterschiedliche Produktionsmethoden zugrunde
    • die Messung der Emissionswerte und die Berechnung des CO2-Fußabdrucks erfolgen auf unterschiedliche Weise
    • die Grenzen der Berechnung können unterschiedlich gesetzt werden, ob bis zur Verarbeitung in der Molkerei, bis zur Auslieferung an den Handel oder inklusive Einkaufs-, Zubereitungs- und Entsorgungsverhalten des Verbrauchers
  • mangelhafte Information: kaum Orientierungsmöglichkeit für den Verbraucher
  • Problem der Datenbeschaffung und Nutzbarkeit der Daten
  • zu wenig umfassende Betrachtung des Produkts: Gesundheitswert wird vollkommen außer Acht gelassen, genauso wie andere Umweltkategorien, zum Beispiel Wasser oder Lärm

Der CO2-Fußabdruck auf Lebensmitteln ist stark umstritten. Die Argumente der Befürworter und Gegner sprechen allerdings eher dafür, keine weitere Energiekennzeichnung für Lebensmittel einzuführen. Vielmehr sollten die Daten zur Energiebilanz der Produkte unternehmensintern genutzt werden, um energetische Verbesserungsprozesse an den notwendigen Stellen einzuleiten.

Der Weg zur einheitlichen CO2-Berechnungen

An der Vereinheitlichung von Standards und der Erarbeitung systematischer Vorgehensweisen in der Berechnung des Carbon Footprint forscht in Deutschland aktuell das PCF Pilotprojekt. Konkret zieht das Projekt z.B. eine modulare Branchenlösung in Betracht, die eine Basis-Berechnung und branchenspezifische Berechnungsmodule enthält (PCF Pilotprojekt Deutschland 2009). Ebenso will die International Standard Organization (ISO) eine zukunftsfähige Harmonisierung als Ergänzung zum Greenhouse-Gas-Protocol schaffen, die prinzipiell zwei Alternativen bieten kann: Zum einen ist eine breit angelegte Methodik denkbar, die in jedem Unternehmen nutzbar ist, zum anderen könnten branchenspezifische Methoden eine Tiefe der Berechnung erzeugen, die bislang nicht möglich war (BMU et al. 2009).

Handel und Verarbeitungsunternehmen nutzen mittlerweile vermehrt die Darstellung des Product Carbon Footprints, um auf die nachhaltige Wirtschaftsweise ihrer Produktketten aufmerksam zu machen.

Auch die Molkereien befassen sich mit dieser Thematik, vor allem, weil sie seitens der Handelsketten einem enormen Zugzwang unterworfen sind: Die Forderung nach Klimastandards bzw. der Berechnung von Werten der Treibhausgas-Emission von Produkten und gegebenenfalls auch deren Kennzeichnung wird lauter. Fraglich ist, ob in absehbarer Zeit die Kennzeichnung der Treibhausgas-Emissionen für Molkereiprodukte kommen muss. An der Genauigkeit der Berechnung zweifeln einige, ebenso an der Umsetzbarkeit der umfangreichen Datensammlung und der Vergleiche zahlreicher Kombinationsmöglichkeiten von Schritten in den Wertschöpfungsketten. Hinzu kommt, dass auch im Bereich der Milchwirtschaft der fehlende Einbezug von Daten, wie z.B. dem Wassermanagement und weiterer klimarelevanter Faktoren, kritisiert wird. Andere Schwächen und Risiken wurden bereits genannt.

Was ist die (bessere) Alternative?

Bei aller Kritik am CO2-Fußabdruck wird seitens der Milchindustrie nicht grundsätzlich eine Berechnung und Veröffentlichung von umwelt- und klimarelevanten Daten abgelehnt. Eine umfassendere Ökobilanz wird allerdings eher als das Mittel der Wahl gesehen, um die Umweltauswirkungen der lebensmittelverarbeitenden Betriebe darzustellen. Durch die Ökobilanzierung werden einfließende und ausströmende Stoffe und Energien eines Unternehmens in Tabellen- oder Kontenform erfasst. Als zentrales Instrument des Umweltmanagements dient die Ökobilanzierung der ,,vollständigen Erfassung, Bewertung und übersichtlichen Darstellung der Umweltauswirkungen von Produkten, Prozessen, des Betriebes oder des Standortes eines Unternehmens'' innerhalb eines festgelegten Zeitraums. Neben der externen Verwendung der Ergebnisse der Ökobilanzierung in der Umwelt- und Nachhaltigkeitsberichterstattung können die Daten auch intern für das Erkennen von Optimierungspotentialen in der Produktion u.a. dienen. So ist ein ganzheitlicheres Bild der nachhaltigen Wirtschaftsweisen der Unternehmen möglich. Die Diskussion um den CO2-Fußabdruck ist damit aber sicherlich nicht abgeschlossen.

Neben den Ansätzen von ISO 14001 und EMAS gibt es noch zahlreiche weitere Umweltmanagementansätze, die Teile der beiden Zertifizierungen abdecken, wie der PIUS-Check (unter: http://www.pius-info.de/index.html). Die Entscheidung für ein Umweltmanagement mit spezifischen Schwerpunkten und unterschiedlicher Breite oder Tiefe der Anforderungen liegt bei jedem Unternehmen selbst.

Klimarelevanten Emissionen in der Wertschöpfungskette Milch?

Die wesentlichen Elemente der Kette vom Acker bis zum Teller der Lebensmittel tierischer Herkunft sind in unterschiedlichem Ausmaß an der Ressourcennutzung und den Emissionen klimarelevanter Gase verknüpft.

Den Milchviehbetrieben zuzuordnen sind klimarelevante Auswirkungen v.a. bei der Bodenbewirtschaftung, inklusive Düngemittelverwendung, bei der Fütterung, bei der Tierhaltung und bei der Lagerung von Gülle. Hinzu kommen die Auswirkungen der jeweils vorgelagerten Wege der Düngemittelherstellung, der Futtermittelherstellung und der Tierzucht.

Die Stufen der Milcherzeugung bis hin zur Lagerung der Milch vor der Abholung durch die Molkereien machen in Industrieländern zwischen 78 und 83 % der gesamten Lebenszyklus-Emissionen der Milch aus. Weitere Emissionen entstehen durch Transportwege (zur Molkerei und in den Handel), durch die Milchbe- und -verarbeitung, durch Verpackungsherstellung, durch Kühlprozesse im Handel und durch den Endverbraucher selber (Einkaufsfahrt, Lagerung zu Haus, Zubereitungsart). In vielen Berechnungen wird die Stufe des Handels und des Endverbrauchers nicht einbezogen, da diese große Schwankungen in Bezug auf eine angemessene Emissionszuordnung aufweisen. Durch lange Lagerung, weite Transportwege und hohe Produktverluste kann der klimarelevante Beitrag des Verbrauchers allerdings einen großen Teil der gesamten produktbezogenen Treibhausgas-Emissionen ausmachen.

Quellen

BMU (Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit); Umweltbundesamt; Öko-Institut e.V. (Hrsg.) (2009): Memorandum Product Carbon Footprint. Position zur Erfassung und Kommunikation des Product Carbon Footprint für die internationale Standardisierung und Harmonisierung. Berlin

Burschel, C.; Losen, D.; Wiendl, A. (2004): Betriebswirtschaftlehre der Nachhaltigen Unternehmung. Oldenbourg Verlag. München

FAO (Food and Agriculture Organization of the United Nations) (Hrsg.) (2010): Greenhouse Gas Emissions from the Dairy Sector. A Life Cycle Assessment. Rom

Flachowsky, G. (2008): Wie kommen wir zu CO2-Footprints für Lebensmittel tierischer Herkunft?. In: Archiv Tierzucht Dummerstorf 51(2008), Sonderheft, S.67-82

Foster, C.; Green, K.; Bleda, M.; Dewick, P.; Evans, B.; Flynn, A.; Mylan, J. (2006): Environmental Impacts of Food Production and Consumption: A report to the Department of .Environment, Food and Rural Affairs. Manchester Business School. Defra, London

PCF Pilotprojekt Deutschland c/o Thema1 GmbH (2009): Product Carbon Footprinting - Ein geeigneter Weg zu klimaverträglichen Produkten und deren Konsum? Erfahrungen, Erkenntnisse und Empfehlungen aus dem Product Carbon Footprint Pilotprojekt Deutschland. Berlin

Sevenster, M.; de Jong, F. (2008): A sustainable dairy sector. Global, regional and life cycle facts and figures on greenhouse-gas emissions. Delft, CE